Themenvorschläge der „Académie de Liège“ für das Projekt
„ERINNERUNGSRÄUME“
Auf jeden Zusammensturz der Beweise antwortet der Dichter mit einer Zukunftssalve ( René CHAR )
Sagen wir es ganz klar: dieses Zitat eines bedeutenden Dichters ist keine Aufforderung an die junge Künstlergeneration. Sie möge, im Falle eines Konfliktes dem Verteidigungsministerium unseres Landes originelle Lösungen zur Verbesserung der allgemeinen Sicherheit vorschlagen (der aller letzte Krieg unter den allerletzten, wie man bereits 1918 behauptet hatte).
Obwohl ... mit etwas Zukunftsvision, könnte es einige pikante Vorschläge geben. Es könnte sogar lustig werden! Aber überlassen wir solche klaren oder unverschämten Verirrungen besser den phantasievollsten und den visionärsten unter unseren Kunstschaffenden ( bspw. dem Comicstrip oder der Illustration?).
Unter Zukunftssalve versteht man etwas anderes. Jedem schaffenden Künstler (und dies ist auch eine Einladung an alle Werkstätten) sollen einige Arbeitsweisen zur Meditation angeboten werden, die von dieser eben gelesenen Allgemeinbetrachtung inspiriert werden, so wie von einigen anderen Fragen:
Wer sieht noch den Feind hinter einem Deutschen? Wer möchte noch in diesem friedlichen Europa irgendeinem patriotischen Ruf folgen? Welcher Erwachsene bringt es noch fertig, von militärischen Heldentaten auf dem Feld der Ehre zu träumen…?
Wir verachten keinesfalls die Geschichte. Wir wollen sie aber als Untersuchungsfeld am besten den Historikern überlassen. Auch wenn wir wissen, dass die Geschichte, die einmal erkannt und verstanden wurde, sich unbedingt in Material für unsere kreative Kunst verwandeln kann, bewusst oder unbewusst. Bemühen wir uns eher, diese Geschichte „neu zu interpretieren“!
Nun, in dieser Beziehung ist das Epos der Lütticher Festungsanlagen eine ziemlich unerschöpfliche Themenquelle. Vorausgesetzt, man erfasst sie als Dichter und nicht als Historiker. Denn es ist gut möglich, dass dieses Epos uns in höchst unerwartete Richtungen „hineinprovoziert“.
Hier, einige Vorschläge:
- Landschaften:
Das, was in der Natur von den „Forts“ übrig bleibt, ist atemberaubend: So viel wie nichts. Sie sind unter der Erde begraben; man sieht nur in gewissen Abständen Betonkuppeln, die von Gras überwuchert und vom Winde „gefegt“ werden. Die meisten sind so gut versteckt, dass man ganz dicht vorbeigehen kann, ohne sie zu lokalisieren. Aber wenn man sie erst einmal ausfindig gemacht hat, erkennt man anhand der aus der Erde herausragenden Bestände ( eine Kuppel, eine Mauer, ein Gitter, etc.) die Dimension und die Bedeutung der unterirdischen Stadt, deren heimliche und stille Zeugen diese vorgefundenen Fragmente sind. In unseren Augen wäre eine erste einfache und realistische Möglichkeit, einen von unseren Erinnerungsräumen zu erfassen, wohl dahin zu fahren, um an Ort und Stelle „ motivische Skizzen“ (wie die Impressionisten sagten) von den Restbeständen dieser Stätten zu machen, die vor nicht all zu langer Zeit reine Alptraumräume waren.
- Das underground Leben in den Forts
Wir haben das Ganze natürlich nicht erlebt. Wir können es uns nur vorstellen. Die Überlebenden sagen, dass es „grauenvoll war“. Da sie nur kurz „Krieg führen“ mussten, haben sie vor allem eine unendliche Vorkriegszeit erlebt. Dieses „Warten auf das Schlimmste“ war das Schrecklichste. Man muss sich diese Soldaten vor Augen führen, die monatelang unter der Erde dicht gedrängt lebten … Hier stoßen wir an unser „Menschensein“; die Bilder ereilen uns: die lange Geduld, die Angst im Magen, die Kälte, die nassen Gemäuer, die Einsamkeit, die Regungslosigkeit, die von einem Schrei durchdrungene Stille ( ein Kamerad wird wahnsinnig), der Brief ( einer Mutter oder einer Verlobten), der nicht ankommt, die Gesten, die man Tag für Tag vergeblich wiederholen muss und die einen abstumpfen, die Befehle, die unter dem Gewölbe dröhnen, die dunklen Gänge, ein Hauch von Helligkeit, die von einer Budenluke kommt, die Mahlzeiten aus der Dose und das nasse Brot, die angsterfüllten Nächte, die ins Leere schauenden Augen.
Hier höre ich mit der Aufzählung auf! Man sieht ja, dass es nicht mehr nur noch darum geht, den Krieg zu kommentieren, sondern der „nackten Wahrheit“ der Menschen Gestalt und Inhalt zu geben, aus denen man Kanonenfutter gemacht hat.
- Lektüren:
Von dem „Désert des Tartares“ (Dino BUZZATI ) zu dem „Balcon en forêt“ (Julien GRACQ); von „Croix de bois“ (Roland DORGELES)- man spricht von dem besten Zeugnisbericht über 14-18- zu der kürzlich erschienenen Erzählung von Philippe Besson „En l´absence des hommes“, über bestimmte Filme, die wegweisend waren ( unvergesslich der erste Teil von „Voyage au bout de la nuit“, so fabelhaft „ illustriert“ von TARDI, und andere Texte von Louis-Ferdinand CELINE?).
Die Anhaltspunkte sind zahlreich, die jungen Künstlern helfen können, sich eine „eigene Meinung“ zu bilden. Die Literaturprofessoren werden sie begleiten (Drehbuch und Verfassen). Das Lied“ Zangra“ von Jacques BREL wäre es für sich wert, näher betrachtet zu werden, und so weiter.
- Die Wehrwerke heute
Es mag einen verwundern, aber man könnte sogar in der Heraufbeschwörung dieser Hölle Grund zum Schmunzeln finden. Man braucht sich nur die Frage zu stellen: Was ist aus diesen Befestigungsanlagen geworden?
Viele sind sozusagen noch „in Betrieb“: die einen gehören immer noch zu den Militärbeständen (Liers zu Technospace Aero, die Motorabteilung der FN; Évegnée zu den Forges de Zeebrugge, Eisenwerke, die Raketen herstellen). Aber andere bekamen gefälligere Zweckorientierungen: so in Chaudfontaine, wo Kinder im „Fort“ unter Aufsicht von Erwachsenen in den Genuss eines hübschen Abenteuerspielplatzes kommen, und in Pontisse, wo Kindern gezeigt wird, wie sie …Esel dressieren und führen können(sic), außer im Winter, um den Winterschlaf der Fledermäuse nicht zu stören (sic). Ist das nicht gerade eine Genugtuung für unsere Liebe zur Satire? Es wäre auf jeden Fall zu vertiefen.
- und zum Schluss….(par Philippe Delaite):
Die Kunst der Befestigungsbauten ist eine Kunst der Geometrie. Muss es unbedingt bedeuten, dass diese Kunst Ausdruck eines kartesischen Geistes ist? Es ist nicht sicher. Die Eigentümlichkeit einer Befestigungsanlage besteht darin, dass sie stets von dem Forschritt überholt wird; sie ist immer um einen Krieg verspätet, da dem Bau der folgenden Befestigungsanlage die Erfahrungen mit dem vorigen Konflikt zu Grunde liegen. Ist die Befestigungsanlage unter diesen Gesichtspunkten nicht eine Metapher der Existenz? Wir selbst, was machen wir unser Leben lang, außer uns vor Gefahren zu schützen, die bekannt sind, ohne zu wissen, wer oder was uns eines Tages besiegen wird? Fahren Sie dahin, betrachten Sie lange diese „Forts“; sie werden dann, wie ich meine, von dem ruhigen Verharrungsvermögen überwältigt werden, das von ihrer Stille freigesetzt wird. Mit der Besichtigung einer Befestigungsanlage werde ich nie wieder Bilder von Krieg und Massaker verbinden. Die Bilder, die ich fotografiert habe (und auf einer CD gebrannt habe, die ich der Schule zur Verfügung stelle) werden Ihnen besser als Worte erzählen, dass diese „Forts“ durch ihre diskrete Gegenwart mitten in einer „siegreichen“ Natur nichts anderes mehr sein wollen, als das Geständnis von ihrem absoluten Leersein; Sie sind wörtlich die Wache ihrer sinnlosen Leere, die Wachposten ihres eigenen Nichtseins. Sie werden dann regelrecht empfinden, wie intensiv ihre „Haut“ die Spuren der Zeit und der Jahreszeiten trägt, dass tatsächlich jede Mauer ein Bildschirm darstellt, auf dem die Geschichte der Menschen abzulesen ist. Sie werden auch spüren, dass sie, obwohl sie auf Höhen gebaut wurden (die Aussicht drum herum kann unglaublich schön sein) so sehr zur Erde zurückgekehrt sind (aus der sie niemals hätten herausragen sollen), dass nichts von ihnen übrig geblieben ist. Es bleibt nur eine Seite, die gedreht wird, nur ein Echo des Lebens und des Todes…!
Dies sind in groben Zügen die Themen, die wir dem Scharfsinn und dem Talent der werdenden Künstler unterbreiten wollen. Die Werkstätten der drei Stufen werden herzlich aufgefordert, sich am Projekt zu beteiligen. Es ist gut möglich, dass gemäß ihren Wünschen Ehemalige sich anschließen. Wenn die Arbeiten stehen, wird sich nach einem vorgegebenen Zeitplan wahrscheinlich eine Auswahl als notwendig erweisen. Aber noch sind wir nicht so weit….Zur Stunde werden alle gebeten, dem schönen Wort von Cocteau Ehre zu erweisen:
„ Versetzt mich ins Staunen, versetzt Euch ins Staunen!“
Für die gesamte mobilisierte Académie
für die drei solidarischen Leitungen
Francis DE BRUYN
Direktor des ESAL |